In Aarau werden auch heute noch nach altem Handwerk Kirchenglocken gegossen. Boten vergangener Zeit, die dem Fortschritt auf den ersten Blick trotzen. Doch der Schein trügt.
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Hinter dem Holztor breitet sich eine hellbraune Staubschicht aus. Das Auge sucht Halt zwischen all den Gegenständen, die wie aus dem Museum wirken. Zuvorderst öffnet ein Ofen den Schlund, das Licht fällt durch milchige Oberlichter, hinten erheben sich übergross die Umrisse des heiligen Tarzisius, einer Statue, die einst hier gegossen wurde, in Aarau bei der H. Rüetschi AG. Alles scheint festgehaltene Zeit in dieser hunderte Jahre alten Halle – der letzten Kirchenglockengiesserei der Schweiz. Wie die Schablonen an der Wand, Profile verschiedener Glocken. Ihre Form haben zahllose Generationen einander weitergegeben. Heute kennt sie der Computer. Doch im Staub der Zeit scheint die Moderne weit weg.
Die Glockenstadt im Kirchturmland
Kirchenglocken. Sie läuten die neue Stunde, den Gottesdienst, Hochzeit oder Beerdigung; sie sind Zeitmesser, Musikinstrument und Kommunikationsmittel. Über 20 000 von ihnen hängen in den rund 4500 Kirchtürmen der Schweiz. Etwa die Hälfte davon stammt aus dem Hause Rüetschi, wo man sie alle kennt. Fast unvorstellbar, kommt manches Exemplar doch auf ein Alter von 300 Jahren. Doch die Zeit, sie gehört zu Rüetschi. Man ist nicht nur die einzige verbleibende, sondern auch die älteste Kirchenglockengiesserei der Schweiz. 650 Jahre alt ist das Unternehmen jüngst geworden. Viel Zeit, um ein Handwerk zu perfektionieren.
Damals wie heute heisst Glocken giessen genau arbeiten. Fehler verzeiht das Handwerk nicht: Ein falscher Ton im Kirchturm würde kilometerweit gehört. Bereits nach dem Guss, wenn ein Gemisch aus Zinn und Kupfer in den Hohlraum zwischen tönernem Glockenkern und der darauf aufgesetzten «falschen Glocke» fliesst, sind die Glocken auf einen Sechzehntelton genau gestimmt. Zum harmonischen Klangkörper werden sie durch Feilen und Schleifen. Das ist schon 1367 so, als die Rebers in der noch jungen Stadt Aarau Kirchenglocken giessen. Auf sie folgen etliche Giesserfamilien – und schliesslich die Gebrüder Rüetschi, die dem Unternehmen seinen heutigen Namen geben. Und Aarau zur Glockenstadt machen.
«Viele Unternehmen der Mode- und Outdoor-Branche sind sich gar nicht bewusst, welche ökologischen Probleme sie auslösen.»
Martin Berling
Zeugin von Revolutionen
Die Giesserei erlebt die Reformation und mehrere Kriege, giesst neben Glocken mal Büchsen, mal Kanonen. Schliesslich die Industrialisierung: Fabriken entstehen, Manufakturen schliessen. Rüetschi jedoch floriert und stellt immer komplexere Geläute her. Doch in der Moderne kommt die Giesserei erst im Jahr 2000 an, als René Spielmann die Geschäftsleitung übernimmt. Der Maschinenbauingenieur bringt Antriebs- und Automationstechnik ins Unternehmen. Die mechanische Revolution erhält eine späte Antwort. Denn Glocken werden schon lange nicht mehr nur per Zugseil geläutet, sondern per Motor.
Doch dabei will es René Spielmann nicht belassen, die nächste, digitale Revolution steht vor der Tür. Mit Partnern entwickelt er eine Schnittstelle samt App, die dem Pfarrer erlaubt, das Geläut per Fingerwisch zu steuern, zusammen mit Beleuchtung, Heizung und weiterer Kirchentechnik. Komfort zieht ein in die heiligen Hallen. Und neue Mitarbeiter in die altehrwürdige Giesserei: Im Nachbargebäude prägen nicht Staub und Bronze das Bild, sondern Flachbildschirme und Detailpläne von Kirchtürmen. Vom Gusstechniker bis zum Ingenieur: 25 Mitarbeiter zählt Rüetschi heute, sie vereinen 13 Berufsbilder.
Die digitale Glocke: Mit dem Automationssystem «Syneos» von Rüetschi können die Anlagen der Kirche heute per vordefiniertem Programm gesteuert werden. Eine App erlaubt Seelsorgern, Sigristen oder dem Hauswart die Bedienung aus der Distanz.
Die futuristische Form der Rüetschi-ProBell-Klöppel ist das Resultat von Computersimulationen und optimiert den Anschlag des Klöppels auf die Glocke.
Modernes im Traditionellen
Digitale Technik steckt auch im analogen Ursprung von Rüetschi: Der Klöppel, der in der schwingenden Glocke den Ton schlägt, ist heute ein Hightechprodukt. 2005 beteiligt sich die Giesserei am europäischen Forschungsprojekt «ProBell», später am gleichnamigen Zentrum für Glockenforschung. Im Labor werden Belastung und Klangentwicklung einer Glocke untersucht und erstmals auch der Einfluss des Klöppels. Rüetschi gibt ihm darauf eine neue Form: Diese schont die Glocke, verbessert ihren Klang und macht sie wenn nötig leiser. Technik von heute, mit Nachhall bis übermorgen.
Doch was passiert beim Läuten, wenn Klöppel auf Glocke trifft? «Dreihundertfache Erdbeschleunigung», sagt Jari Putignano, Co-Geschäftsführer und Leiter der Giesserei. Er vergleicht die runde Form der Glocke mit einem Satelliten im Weltall. Und er weiss, wovon er spricht, war er doch bis vor zwei Jahren in der Raumfahrt tätig. Und nun auf der staubigen Erde eines kleinen Traditionsunternehmens gelandet? Jari Putignano schmunzelt: «Das hier ist mindestens so modern.» Er geht vorbei an den futuristischen Klöppeln und die Treppe hinunter in die Kunstgiesserei.
…und in der Werkstatt bearbeitet.
Der sogenannte Glockenkern bildet den Inneren Teil der Gussform. Er wird in der Regel gemauert, mit Lehm überzogen und anschliessend mit einer Schablone präzis abgedreht.
Zeichen der Zeit: Längst werden Glocken nicht mehr nur per Seil geläutet, sondern per Motor. Links: Kettenantrieb, Mitte: berührungsloser Linearantrieb
Nach dem Guss wird die Glocke – hier ein privates Geschenk – aus der Form befreit…
Glockenbronze wird in der Giesserei selber hergestellt. Sie besteht zu 90 Prozent aus Bronze (im Bild) und zu 10 Prozent aus Zinn.
Nicht nur Kirchenglocken werden in der H.Rüetschi AG hergestellt, sondern auch Plastiken, Skulpturen oder kommerzielle Anwendungen. Im Bild: Abflammen einer Plastik
Dank dem neuartigen Vakuumguss-Verfahren können heute auch besonders filigrane Formen gegossen werden. Die Vorlagen stammen immer häufiger aus dem 3D-Drucker. Im Bild: Waschen einer Plastik, die im Säurebad künstlich gealtert wurde.
Ein Klangkörper entsteht: Der Glockenkern und die falsche Glocke bilden einen Hohlraum, in den die flüssige Bronze läuft.
Kostbar und doch kein Luxus
Dort riecht es nach Wachs. Statuetten sind auf dem Boden aufgereiht, auf Werktischen liegen Tannenzapfen, bereit für einen Abguss. Fast so alt wie der Glockenguss ist in Aarau der Kunstguss. Plastiken, Skulpturen, Brunnen: Immer wieder stellt Rüetschi kostbare Objekte her. Und das nicht nur im materiellen Sinn: Wie die Glocken hält ein Kunstguss mehrere Menschenleben lang. Jüngst hat die Rhätische Bahn neue Wappen für ihre Lokomotiven bei Rüetschi in Auftrag gegeben – wohl wissend, dass die bronzenen Embleme die Stahlrösser überleben werden.
Auch im Kunstguss ist der Wandel spürbar: Jari Putignano zeigt den Vakuumguss-Ofen, der noch feinere Gussformen ermöglicht. Für die Vorlagen experimentiert Rüetschi mit Partnern im 3-D-Druck. Ein modernes Technikunternehmen, ein Glockenmonopolist – leichtes Spiel für Rüetschi? René Spielmann erhebt energisch Einspruch. Auf jedem seiner Unternehmensfelder habe Rüetschi Mitbewerber, oft günstigere, aus ganz Europa. Die öffentliche Hand sei häufig Auftraggeber, und da regiere der Preis. Nur rund fünf Prozent des Umsatzes mache Rüetschi heute noch mit dem Glockenguss.
Zeitendämmerung
Hat die Kirchenglocke heute wenige Käufer, so hat sie neue Gegner. Ihr Vorwurf: Lärm, ein Wort, das René Spielmann missfällt. «Lärm ist ein Abfallprodukt der Aktivitäten unserer Gesellschaft», erklärt er. Sich vor den Folgen der Technik schützen zu wollen, den Strassen und Flughäfen, sei legitim. Doch Glockengeläut sei ein Teil unseres Brauchtums, das auch folgenden Generationen erhalten bleiben soll. Auf die Lärmfrage hat René Spielmann praktische Antworten: Neue Läuteverfahren, präzisere Glockenantriebe und neue Klöppel verbessern den Klang oder reduzieren den Schallpegel. Manchmal bleibe den Aarauern allerdings nur, einen Kirchturm einzuhausen. René Spielmann betont: Ein gut konzipiertes Glockengeläut lärme nicht, es klinge. Dann klingelt sein Telefon, die Kunden.
«Auch spätere Generationen sollen ihren Umgang mit Kirchenglocken finden können.»
René Spielmann
Geschäftsführer H. Rüetschi AG
Es wird Abend, das Licht verschwindet aus den Aarauer Giessereihallen. Doch in einer Ecke glimmt es feurig rot. Zwei Mitarbeiter heben den glühenden Tiegel aus dem Ofen, der staubige Boden beginnt zu leuchten. Ein andachtsvoller Moment: Gleich wird gegossen. Die Praktikantin führt den Tiegel über die Gussformen, die Bronze fliesst. Ja, auch Frauen gebe es, erklärt Jari Putignano, der die Szene beobachtet. Drei von sechs seiner Gusstechnologen seien weiblich. Oder arbeiteten Teilzeit – was fähige Leute eben wünschen heutzutage. Und die braucht er, will er auch in Zukunft Hochwertiges und Zeitloses giessen. Und manchmal sogar eine Glocke, die 300 Jahre hält.
Team im Wandel: In der ältesten Giesserei der Schweiz arbeiten heute mehrere Generationen und Berufe.
Die Erforschung der Glocke
Warum bricht eine Glocke? Diese Frage stand am Anfang einer Untersuchung der Fachhochschule Kempten (D). In Zusammenarbeit mit acht Glockengiessereien, darunter die H. Rüetschi AG, und zweier Universitäten entstand das Europäische Kompetenzzentrum für Glocken «ECC ProBell». Dort wurde 2009 ein Verfahren entwickelt, das mit Beschleunigungssensoren und Messtechnik aus der Raumfahrt die Belastung der Glocke beim Schlagvorgang misst. Das Resultat erstaunte: Entgegen überlieferter Meinung ist nicht die Härte des Klöppels, sondern dessen Form entscheidend für die Abnutzung der Glocke, ebenso der Läutewinkel, also die maximale Drehung beim Glockenschlag. Eine neue Erkenntnis für ein uraltes Produkt. (Bild: ECC-ProBell)
Buchtipp zum Thema
Alles zur Geschichte des Aarauer Giessereihandwerks und zum Kirchenglockenguss in der Schweiz erzählt das Buch «Glocken für die Ewigkeit». Es ist imAT-Verlag erschienen.
Laut einer Recherche von SRF Investigativ und der Sendung «Kassensturz» kostet die Entlastung der Umwelt von PFAS, den sogenannten «Ewigkeitschemikalien», bis zu 26 Milliarden Franken.
Aus der Idee, Bäume zu pflanzen, ist eine nachhaltige Modemarke geworden. Durch den Kauf von Nikin-Produkten wurden bereits über 2 Millionen Bäume gepflanzt. Im Interview spricht Nicholas Hänny über das Konzept und seine Ziele.