Warum sind die für Laien geringfügig erscheinenden prozentualen Veränderungen aufgrund der neuen WACC-Berechnungsmethode ein Problem?
Die meisten Stromunternehmen reinvestieren die Rendite zu grossen Teilen und zum Teil darüber hinaus in den Unterhalt und Ausbau der Netze. Durch die Senkung der Rendite ist das benötigte Kapital für den Netzausbau nun nicht mehr in dem Ausmass vorhanden, und viele EVU haben gar keine Chance, die nötigen Summen anderweitig am Kapitalmarkt zu beschaffen.
Weniger Rendite, weniger Netzausbau?
Durch die WACC-Senkung wird es nun aufwändiger, Kapital zu beschaffen. Manche Kapitalgeber könnten sich alternativen Anlagen mit besseren Renditen zuwenden. Das bremst den Netzausbau ein und schadet zum Beispiel auch der Solarenergie, weil es länger dauern kann, bis Private ihre Anlagen in Betrieb nehmen können. Dabei müssten wir jetzt genau das Gegenteil machen: nämlich in den zügigen Ausbau der Netze und der Stromproduktion investieren. Die Änderung der WACC-Methodik steht damit im Widerspruch zur Dringlichkeit der Investitionen in das Energiesystem und die Versorgungssicherheit der Schweiz.
Was befürchten Sie konkret? Die Veränderungen erscheinen doch gering.
Eine angemessene Kapitalrendite trägt zum Cashflow im stark regulierten Netzgeschäft bei. Dieser Cashflow ist relevant für die Netzsicherheit und -stabilität. Denn ohne genügende Mittel können langfristig die notwendigen Investitionen in den Ausbau und die Erneuerungen von Netzen nicht gesichert werden. Zudem ist das Kapital in Energieinfrastrukturen bis zu 60 Jahre gebunden. In einem derart langen Zeithorizont wie diesem ist es entscheidend, dass Rechts- und Investitionssicherheit besteht.
Es geht um ein falsches Signal an die Geldgeber?
Der Entscheid des Bundesrats, die geltende Methodik bereits nach rund zehn Jahren zu ändern, resp. zu verschlechtern, baut unnötig grosse Hürden auf, um neues Kapital für den dringen erforderlichen Netzausbau zu beschaffen, und schafft Unsicherheiten bei den Investoren. Schliesslich könnte der Bundesrat die Spielregeln, während das Kapital gebunden ist, ein weiteres Mal ändern.
Gemäss Bundesrat sinkt der WACC nur in Tiefzinsphasen stärker – warum ist das dennoch Problem?
Auch in Phasen sehr tiefer oder gar negativer Zinsen gibt es Kapital nicht zu 0 Prozent oder gar negativen Konditionen. Dank einer Untergrenze waren in der zurückliegenden Tiefzinsphase in der Schweiz keine notfallmässigen Korrekturen zur Erhöhung des WACC notwendig. Ganz im Gegensatz etwa zu Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien, wo deshalb kurzfristig mit Staatsmitteln finanzierte Anpassungen vorgenommen werden mussten, inklusive Rechtsstreitigkeiten zwischen Netzbetreibern und Regulierungsbehörden. Solche Notfallmassnahmen und Rechtsfälle drohen nun auch der Schweiz, weil der Bundesrat die Unter- und Obergrenze abgeschafft hat.
Geht es nur ums Geld? Kritiker sprechen von einer Selbstbedienungsmentalität.
Diesen Vorwurf weisen wir zurück. Die Netze werden bedarfsgetrieben um- und ausgebaut, z.B. zum Anschluss neuer PV-Anlagen. Zudem ist das Netzgeschäft stark reguliert. Dazu zählt auch die WACC-Methodik, die bis dato auf einer ökonomisch fundierten Methode basierte und eine angemessene Verzinsung des über Jahrzehnte gebundenen Kapitals brachte. Verschiedene Gutachten stellten gerade noch vor einem Jahr fest, dass die bestehende Schweizer Methodik zur Ermittlung des WACC der aktuellen Best Practice entspricht und es keinen Grund für Anpassungen gibt.
Was unternimmt der VSE jetzt konkret, um die Wirkung der neuen Berechnung einzudämmen?
Es ist nun noch wichtiger geworden, den Netzausbaubedarf zu senken. Dazu muss die Netzbelastung besser gesteuert werden können, um Produktion und Verbrauch besser aufeinander abzustimmen. Netzbetreiber müssen mehr Spielraum und Steuerungsmöglichkeiten erhalten. Es braucht Anreize und Preissignale, um netzdienliche Flexibilitäten besser nutzen zu können, und es braucht flexiblere Tarifstrukturen sowie die Möglichkeit, die Einspeisung von Solarstrom in den Zeitpunkten zu begrenzen, in denen mehr Strom produziert als verbraucht wird.
Michael Frank ist seit 2011 Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE. Der Fürsprecher verfügt über eine breite berufliche Erfahrung in der Elektrizitätswirtschaft und in sich liberalisierenden Märkten. Zuvor war er im Regulatory Management bei der Axpo und Swisscom tätig.